SECURITY ADVISORY

Umgehung der Zwei-Faktor-Authentifizierung im FortiOS SSL-VPN

Ein Angreifer kann sich am FortiOS SSL-VPN anmelden, ohne nach dem zweiten Faktor (FortiToken) gefragt zu werden – indem er die Groß-/Kleinschreibung eines gültigen Benutzernamens verändert. Ursache ist eine unterschiedliche Behandlung der Schreibweise zwischen FortiGate und angebundenem LDAP-Verzeichnis. Mit gültigem Passwort, aber ohne zweiten Faktor, steht damit der VPN-Zugang und das dahinterliegende Unternehmensnetz offen. Die Schwachstelle steht seit November 2021 im CISA-KEV-Katalog und wird bis Ende 2025 aktiv ausgenutzt.

CVE-ID

CVE-2020-12812

CVSS

9,8

Schweregrad

Kritisch

Hersteller

Fortinet

Produkt

Fortinet FortiOS SSL-VPN

Veröffentlicht

14.07.2026

CISA-KEV

Gelistet

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Analyse

Warum die Lücke wirkt

FortiGate behandelt Benutzernamen standardmäßig als groß-/kleinschreibungssensitiv, die meisten LDAP-Verzeichnisse dagegen nicht. Meldet sich ein Nutzer mit einer abweichend geschriebenen Variante seines gültigen Namens an (etwa Admin statt admin), authentifiziert das LDAP-Verzeichnis ihn korrekt, FortiOS ordnet die Anmeldung aber keinem lokalen Konto mit hinterlegtem zweiten Faktor zu – und lässt ihn ohne FortiToken-Abfrage passieren.

Angriffskette

  1. SSL-VPN exponiert – das FortiGate-VPN-Portal ist über das Internet erreichbar, 2FA per FortiToken ist aktiv
  2. Gültige Kennung – der Angreifer kennt Benutzername und Passwort (z. B. aus Phishing, Leak oder Wiederverwendung)
  3. Schreibweise ändern – Anmeldung mit veränderter Groß-/Kleinschreibung des Benutzernamens
  4. 2FA umgangen – Login gelingt ohne FortiToken-Abfrage; der Angreifer steht im internen Netz

Betroffene Versionen und Fixes

FortiOS-VersionVerwundbarFixversion
FortiOS 6.46.4.06.4.1
FortiOS 6.26.2.0 – 6.2.36.2.4
FortiOS 6.06.0.9 und älter6.0.10

Betroffen ist der SSL-VPN-Dienst in FortiOS 6.4.0, 6.2.0 bis 6.2.3 sowie 6.0.9 und älter, wenn die Benutzerauthentifizierung gegen ein LDAP-Verzeichnis läuft. Die Schwachstelle greift nur, wenn Zwei-Faktor-Authentifizierung eingesetzt wird – gerade die vermeintlich abgesicherten Zugänge sind gefährdet.

Regulatorischer Hinweis: Ein bestätigter unbefugter Zugriff auf das Unternehmensnetz oder ein Abfluss personenbezogener Daten kann eine meldepflichtige Verletzung darstellen – DSGVO unverzüglich (i. d. R. 72 h), NIS-2 nach den für Sie geltenden Fristen. Die Meldung bleibt bei Ihnen; wir unterstützen bei Bewertung und Dokumentation.

Chronologie

  • 24.07.2020 – Fortinet veröffentlicht Advisory FG-IR-19-283, Fixes in 6.4.1 / 6.2.4 / 6.0.10; NVD publiziert CVE-2020-12812
  • 03.11.2021 – CISA nimmt CVE-2020-12812 in den KEV-Katalog auf – bestätigte aktive Ausnutzung
  • 03.05.2022 – KEV-Frist für US-Behörden zum Patchen
  • Dez. 2025 – Fortinet warnt vor erneuter aktiver Ausnutzung; über 10.000 exponierte FortiGate-Firewalls betroffen

Maßnahmenplan

In dieser Reihenfolge – exponierte Version feststellen, mitigieren, patchen, kompromittierte Zugänge ausschließen.

  • Sofort: Case-Sensitivity setzen / VPN-Zugriff prüfen
  • Kurzfristig: Auf gepatchte FortiOS-Version aktualisieren
  • Parallel: Threat Hunting / VPN-Login-Logs prüfen
  1. Betroffenheit feststellen
    Prüfen, ob FortiOS in Version 6.4.0, 6.2.06.2.3 oder 6.0.9 und älter im Einsatz ist, das SSL-VPN über das Internet erreichbar ist und die Benutzer gegen LDAP mit Zwei-Faktor-Authentifizierung anmelden.
  2. Sofort mitigieren (vor dem Patch)
    Als von Fortinet benannte Behelfsmaßnahme die Groß-/Kleinschreibungs-Prüfung erzwingen, damit abweichende Schreibweisen nicht mehr am zweiten Faktor vorbeikommen.
    config user ldap edit <server> set username-case-sensitivity enable next end
  3. Patchen
    Auf FortiOS 6.4.1, 6.2.4, 6.0.10 oder neuer aktualisieren. Damit ist der 2FA-Bypass geschlossen.
  4. Zugänge als potenziell kompromittiert behandeln
    Da ein Bypass unbemerkt erfolgt sein kann, VPN-Zugangsdaten der betroffenen Nutzer zurücksetzen und aktive VPN-Sessions terminieren. Ein Patch macht bereits erlangte Zugänge nicht ungültig.
  5. Kompromittierung ausschließen
    SSL-VPN-Authentifizierungs-Logs auf erfolgreiche Anmeldungen mit abweichender Groß-/Kleinschreibung des Benutzernamens und auf ungewöhnliche Quell-IP-Adressen oder Login-Zeiten durchsuchen.
    # FortiOS: VPN-Login-Ereignisse auswerten execute log filter category event execute log filter field subtype vpn execute log display

Kompromittierungs-Indikatoren

  • Charakteristisches Muster: Erfolgreiche SSL-VPN-Anmeldung mit
    abweichender Schreibweise eines gültigen Namens
    z. B. Admin statt admin
  • Auffällige Aktivität: VPN-Logins ohne vorangehende
    FortiToken-/2FA-Ereignisse in den Logs
  • Folgeindikatoren: VPN-Anmeldungen aus fremden Ländern,
    zu ungewöhnlichen Zeiten oder von neuen Quell-IPs

Zur Einordnung: Ein sauberer Bypass hinterlässt eine erfolgreiche Anmeldung ohne 2FA-Abfrage – ohne detaillierte VPN-Authentifizierungs-Logs schwer zu erkennen. Der zuverlässigste Indikator ist der Abgleich erfolgreicher SSL-VPN-Logins gegen die Schreibweise der hinterlegten Konten und gegen Quell-IP/Geolokation.

Wichtig: Der zweite Faktor schützt hier nicht: Wer Benutzername und Passwort besitzt, umgeht die 2FA allein durch geänderte Schreibweise. Deshalb reicht es nicht, sich auf aktiviertes FortiToken zu verlassen – erst der Patch oder die erzwungene Case-Sensitivity schließt die Lücke, und bereits erlangte Zugänge müssen aktiv ausgeschlossen werden.

Empfehlung für die Geschäftsleitung

  • Betroffene FortiGate-SSL-VPNs heute mitigieren (username-case-sensitivity enable) und Patch auf 6.4.1 / 6.2.4 / 6.0.10 unverzüglich einplanen.
  • VPN-Zugangsdaten der betroffenen Nutzer zurücksetzen lassen und aktive Sessions terminieren.
  • Prüfen lassen, ob bereits ein 2FA-Bypass erfolgt ist – dokumentiert für eine etwaige Meldung.

Primärquellen

Fortinet PSIRT Advisory FG-IR-19-283 (Fixes FortiOS 6.4.1 / 6.2.4 / 6.0.10, Workaround username-case-sensitivity) · NVD (CVSS 3.1: 9,8 KRITISCH, Vektor AV:N/AC:L/PR:N/UI:N/S:U/C:H/I:H/A:H; CWE-178 / CWE-287) · CISA Known Exploited Vulnerabilities Catalog (aufgenommen 03.11.2021, Frist 03.05.2022). Fortinet selbst bewertet die Lücke im Advisory mit 5,2 (mittel); der hier ausgewiesene KRITISCH-Wert folgt dem maßgeblichen NVD-Basiswert. Angaben nach bestem Wissen zum Stand 14.07.2026; Fixversion gegen das Hersteller-Advisory abgleichen. Argos Security ist ISO/IEC 27001 (TÜV SÜD) zertifiziert.

So unterstützt Sie Argos Security

Für genau diese Schwachstelle ausgewählt – nicht für jede.

  • SOFORTMASSNAHME

    Kompromittierung prüfen →

    Zu dieser Schwachstelle sind Kompromittierungs-Indikatoren bekannt. Vor dem Patch gehört geprüft, ob sie bei Ihnen bereits gegriffen hat. Über den Notfallkontakt erreichen Sie uns rund um die Uhr; für Kunden mit IR-Vertrag mit Rückruf innerhalb von 30 Minuten.

  • LAUFENDE LEISTUNG

    Cyber Defense Center →

    Worauf wir im Cyber Defense Center bei dieser Schwachstelle achten: SSL-VPN-Anmeldungen mit abweichender Schreibweise des Benutzernamens und Logins ohne zugehöriges 2FA-Ereignis. Das setzt voraus, dass die dafür nötigen Logquellen angebunden sind. Auffälligkeiten eskalieren wir rund um die Uhr.

  • STRUKTURELL

    ZTNA – Zero Trust Network Access →

    Solange der Dienst aus dem Internet erreichbar ist, bleibt er Ziel. Mittelfristig kann ein ZTNA-Ansatz diese Exposition verringern. Kurzfristig zählt der Patch.

Unsere Leistungen ergänzen bestehende Hersteller- und Supportverträge, sie ersetzen sie nicht. Sie arbeiten bereits mit einem MDR-Anbieter? Dann holen Sie zu dieser Schwachstelle eine Zweitmeinung ein.